Heute gehe er vorsichtig an
die Planung und das Training für seine Tauchgänge heran. "Ich
riskiere nichts. Deshalb werde ich auch nie einen Schlitten zum Tieftauchen
benutzen,
mit dem schon Weltrekorde von über 200 Meter getaucht wurden. Doch
dabei sind auch schon Sportler ums Leben gekommen."
Güldner ist ein rationell denkender, bedächtiger junger Mann. Deshalb
passt er auch zu den Minentauchern der Deutschen Marine. Im "Tauchkeller" ist
auf einem dunkelbraunen Holzbalken mit schwarzer Schrift folgender Leitspruch
verewigt: "Neptun, gib uns Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern
können. Gib uns den Mut, Dinge zu ändern, die wir ändern können.
Und gib uns die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."Gelassenheit,
Mut und Weisheit - drei Dinge, die auch ein Freitaucher mitbringen muss, will
er erfolgreich sein.
Ein Schlüsselereignis erlebte und veränderte Andreas Güldner,
der von Freunden Andy genannt wird, am 24. April 2006. In dem Jahr hatte er sich
bei der Marine als Zeitsoldat beworben und gerade seine Annahmeprüfung erfolgreich
hinter sich gebracht. Bevor er seinen Dienst als Funker antreten sollte, verbrachte
er noch einen Tauchurlaub in Dahab. "Ich war mit zwei Freunden, einem Engländer
und einer Schweizerin in der Stadt verabredet. Doch ich kam 15 Minuten zu spät
zum Treffpunkt. Für mich ein Glück. Für meine Freunde ein Unglück",
sagt Güldner mit ernstem Blick, "Selbstmordattentäter sprengten
Touristen und Einheimische an drei belebten Plätzen in die Luft. Es gab
25 Tote, darunter ein deutscher Junge. Über 50 Menschen wurden verletzt.
Die Freundin aus der Schweiz verlor ein Bein, der Engländer hat Splitter
im Körper. Die schrecklichen Bilder werde ich nie vergessen." Da reifte
in Güldner ein Entschluss: "Ich hatte erlebt, was Sprengstoffe anrichten
können. Als Minentaucher wollte ich dazu beitragen, dass Sprengfallen und
Minen beseitigt werden können. Ich bewarb mich bei den Minentauchern."
Die Minentaucher gehören zu den spezialisierten Einsatzkräften der
Deutschen Marine. Zusammen mit den Kampfschwimmern gelten sie innerhalb der kleinsten
Teilstreitkraft der Bundeswehr zur sogenannten Elite. Sie sind weltweit anerkannte
Spezialisten. Die Soldaten lokalisieren, identifizieren und beseitigen Minen,
Bomben und Sprengsätze im Meer, in Gewässern oder an Land. Zurzeit
gibt es nur 50 Minentaucher, die der einzigen Minentaucherkompanie in Eckernförde
angehören. Der Tagesdienst besteht aus Schwimmen, Tauchen, Sport, Qualifizierung
und Einsätzen auf der ganzen Welt. Wenn es sein muss, sind sie binnen einer
Stunde einsatzbereit. Der Bedarf an Minentauchern ist jedoch weitaus größer,
als diese 50 Mann - Frauen haben die Lehrgänge bisher nicht bestanden.
"Jeder Marinesoldat kann sich für eine Ausbildung zum Minentaucher
bewerben", sagt Güldners Kompaniefeldwebel, Hauptbootsmann Joachim
Peters, "doch es bewerben sich nur gut ein Dutzend Soldaten. Und schon beim
Vorbereitungstest fallen über 70 Prozent der Bewerber durch." Und von
denen, die weiterkommen, fallen letztlich viele durch oder geben vorher selber
auf. Zurzeit gibt es nur drei Soldaten, die es in den viermonatigen Minentaucherlehrgang
geschafft haben. In Güldners Lehrgang waren anfangs zehn Soldaten. Nur vier
bestanden und erhielten das überall Achtung schenkende Minentaucherabzeichen
- eine Seemine mit einem Sägefisch davor. Peters glaubt für die niedrigen
Bewerberzahlen und die hohen Durchfallquoten den Grund zu wissen: "Die Leute
sind nicht mehr bereit, sich zu quälen." Kein Thema für Güldner.
Er sagt: "Ich habe während des Minentaucherlehrgangs nie ans Aufgeben
gedacht, auch wenn es sehr hart war. Ich will tauchen. Ich will viel Wasser um
mich haben. Und das finde ich nur bei den Minentauchern der Marine." All
die Anstrengungen und Mühen versucht die Marine zu belohnen: Die Soldaten
erhalten eine Minentaucherzulage in Höhe von 184,07 Euro monatlich. Bei
Auslandseinsätzen oder Bordverwendungen kommen weitere variable Geldleistungen
dazu. Hinzu kommt eine verbesserte Chance auf eine Übernahme als Berufssoldat,
gegenüber anderen Zeitsoldaten und eben der weltweite Einsatz.
Hauptbootsmann Peters kann sich trotz des Mangels an Nachwuchses nicht vorstellen,
dass die Einstellungsvoraussetzungen nach unten geschraubt werden. Er sagt: "Am
verlangten Niveau können wir keine Abstriche machen. Das würde nur
das Leben der Soldaten selbst gefährden. Und weil wir eine so harte Auswahl
treffen, gab es bisher erst sehr wenige Unfälle bei den Minentauchern." Und
parallel dazu schätzt auch Andreas Güldner das Risiko seines privaten
Sports ganz rational ein: "Solange ein Freitaucher nicht alleine trainiert
und nichts riskiert, ist das Abtauchen ungefährlich." |