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Wofür kämpft die Bundeswehr? |
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Merten: Sicherheit und Wohlstand definieren Deutschlands Interessen |
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Berlin
(lb) [12.03.08]. Ein Tabubruch: Nach Jahren des allgemeinen
politischen Schweigens und Vertuschens wagt die Vorsitzende
des Verteidigungsausschusses, die SPD-Bundestagsabgeordnete
Ulrike Merten, im Interview mit truppen.info
den Schritt aus Reih und Glied: ja, deutsche Soldaten
kämpfen,
töten und sterben weltweit für Deutschlands Sicherheit,
aber auch für unser aller Wohlstand. Unbequem, aber wahr. Vorbei
die Zeit, da es etwa in Afghanistan nur ums „Gutmenschsein“ ging.
Auch Deutschland definiert 63 Jahre nach Ende des Zweiten
Weltkrieges seine außen- und sicherheitspolitischen Interessen.
Die Zivilbevölkerung
ist „freundlich desinteressiert“ (Bundespräsident
Köhler), die Soldaten verdrängen. |
Der Obergefreite
schaut verdutzt in die TV-Kamera, der Feldwebel stammelt vorm Mikrofon,
der Major zitiert Ex-Verteidigungsminister Struck mit dem Satz, Deutschland
werde auch am Hindukusch verteidigt, ohne wirklich zu wissen, was damit
gemeint war. Wofür kämpft eigentlich die Bundeswehr? Die Ratlosigkeit
in der Truppe mit Blick auf die Auslandseinsätze und ihre Gründe
ist riesig. Das mag auch etwas mit vernachlässigter politischer Bildung
zu tun haben (die gern am Freitagvormittag dem nahenden Dienstschluss
oder fehlender kompetenter Referenten zum Opfer fällt) – vielmehr
aber mit dem Mut der deutschen Politik zur Wahrheit.
„Es geht nicht um Begriffe wie ehrlich oder unehrlich“, so die Vorsitzende
des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages, Ulrike Merten (SPD),
exklusiv gegenüber truppen.info, schließlich herrsche weder in der
Bevölkerung noch bei den Soldaten ein objektiver Mangel an Informationen. |
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Ulrike Merten (SPD), Vorsitzende
des Verteidigungsausschusses. |
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Gleichwohl gesteht sie ein, dass
die Politik in den vergangenen Jahren bewusst wenig anschaulich, sprich
realitätsnah, beschrieben habe, wofür die Bundeswehr in die
verschiedenen Auslandseinsätzen geschickt wurde und wird. Die teils
verwirrenden „Begrifflichkeiten“ seien durchaus bewusst
gewählt worden, so Merten, schließlich brauchte die Politik eine breite
Zustimmung in der Bevölkerung. Somit durften die Vokabeln nicht allzu weit „weg
von den Menschen sein, und dem was die wollen“. Die Lösung ist denkbar
einfach, indem man „Begriffe weglässt oder andere findet“.
Auf diese Weise wurde selbst der ISAF-Einsatz in Afghanistan (unter ausdrücklicher,
gar befohlener Ausblendung der deutschen Beteiligung an OEF, sprich dem Kampfeinsatz
gegen den Terrorismus unter Führung der USA) zu einem „humanitären
Einsatz“, um die Frauen von der Burka zu befreien und Brunnen zu bohren.
Aber, so Merten heute, der Afghanistaneinsatz ist „kein ungefährlicher
Rot-Kreuz-Einsatz“, sondern „dazu gehört auch Kampf“.
Ex-Verteidigungsminister Peter Struck war der erste, der sich traute, von einem „Kampfeinsatz“ zu
sprechen. Zur Überraschung der deutschen Öffentlichkeit. Ulrike Merten
wird nun noch deutlicher: es gelte in Afghanistan erst einmal dafür zu sorgen, „ dass
das Land frei von (militärischen) Kräften ist, die gar keine Schulen
wollen und die ISAF-Soldaten angreifen“. Erst wenn dieser Kampfauftrag
erfolgreich gelungen sei, könne man daran denken, die Infrastruktur zu verbessern. |

Deutscher Soldat beim Patrouillengang.
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Sprich: erst Krieg gegen Taliban und Al Kaida, dann Wiederaufbau. Die deutsche
Tornado-Mission entspricht ebendieser Philosophie.
Aber, so die parlamentarische
Wortführerin der Verteidigungsexperten der
Großen Koalition, es habe „eine Scheu gegeben, die Dinge so zu benennen,
wie sie sind“. „Spätestens“ ab Beginn des Einsatzes deutscher
Tornado-Aufklärungsjets für den Anti-Terrorkampf sei „der Moment
gewesen, zu sagen, was wir da tun“. Das sei eben keine „Peacekeeping“-Mission
mehr, sondern ein „robuster Einsatz“. Auf diese weitere „Worthülse“ angesprochen,
wird Ulrike Merten deutlicher: es gehe um „bewaffnete Auseinandersetzungen“,
da „gehört Kampf dazu“. Das bedeute wiederum, „die Waffe
einzusetzen, nicht nur zur Selbstverteidigung“. Kurz: Angriff. |
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Weitere Auslandseinsätze
der Bundeswehr werden in Zukunft folgen, daran
lässt die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses keinen Zweifel. Die Frage
ist nur, wofür ist Deutschland bereit, mit Geld und gegebenenfalls auch
dem Leben seiner Soldatinnen und Soldaten zu bezahlen? Der ehemalige Verteidigungsminister
Rudolf Scharping (ebenfalls SPD), hatte die einst zur Klärung genau dieser
Frage eingesetzte sogenannte „Weizsäcker-Kommission“ schlicht
ausgebootet und eine öffentliche Diskussion so umschifft. Die Frage blieb.
Sein Nachfolger Struck scheiterte bei einer entsprechenden Definition am grünen
Koalitionspartner. Der nächste und noch amtierende Minister Franz-Josef
Jung (CDU) legte schließlich das lange überfällige „Weißbuch“ mit
entsprechenden Erklärungsmodellen vor, wurde gleichwohl von Kanzlerin Angela
Merkel (ebenfalls CDU) umgehend „zurückgepfiffen“. Die Frage
blieb: Wofür kämpft die Bundeswehr?
Im Interview mit truppen.info definiert die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses,
Ulrike Merten, erstmals öffentlich Deutschlands außen- und sicherheitspolitische
Interessen, die einen Militäreinsatz rechtfertigen:
- Bekämpfung des internationalen Terrorismus´
(-> Sicherheit
in
Deutschland)
-
Vermeidung illegaler Migration (-> Flüchtlinge samt Folgekosten
und
Auswirkung auf die Weltwirtschaft)
-
Sicherheit der Seewege (-> nicht Deutschlands „Wohlstand
gefährden“,
u.a. Roh-Ölpreise)
Die Kritiker des ersten Golfkrieges durch US-Präsident Bush sen. skandierten „kein
Blut für Öl“. Heute das Gegenteil zu formulieren, geht aber selbst
Ulrike Merten etwas zu weit. Ziel müsse selbstverständlich immer sein, „Konflikte
dort einzudämmen, wo sie ihren Ursprung haben“, aber das „wird
nicht immer präventiv gelingen“. Deshalb sei es notwendig „auch
absehbar sich in militärischen Missionen zu engagieren“. |
Das kostet Geld.
Das weiß auch Ulrike Merten. Zusätzliche Haushaltsmittel sieht
die Verteidigungsexpertin allerdings kaum. Der eingeschlagene Weg des
Verteidigungsministeriums, Gelder umzuschichten, ist aus ihrer Sicht
der richtige. Entscheidend sei, dass
im Bereich Ausbildung und Ausrüstung (insbesondere der persönliche
Schutz des Soldaten) alles getan werde – und da seien „deutliche
Prioritäten“ gesetzt worden, das „ist gelungen“.
Für die Steigerung der Attraktivität des Soldatenberufes müssten
gleichwohl noch viele Anstrengungen unternommen werden, so Ulrike Merten. |
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Ulrike Merten bei einem Besuch der Infanterieschule in Hammelburg.
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Dem
zu erwartenden „Knick“ bei Neueinstellern durch die Geburtenentwicklung
gerade in den „neuen Ländern“ plus der „Konkurrenz“ durch
den zivilen Arbeitsmarkt sei nur durch neue Ansätze zu begegnen – nicht
nur im Bereich der Besoldung, sondern auch bei der Vereinbarkeit von Beruf
und Familie, bei den Arbeitszeiten und beim Aufgabenspektrum.
Zum Schluss noch einmal zurück zur „klaren Auftragsvergabe“ der
Politik an die deutsche Armee. Was wird eigentlich aus KFOR? Für den Angriff
auf serbisches Staatsterritorium im Kosovo – auch durch die deutsche Luftwaffe – gab
es 1999 letztlich keine völkerrechtlich legitimierte Grundlage. Der Krieg
fand bekanntlich trotzdem statt. Was folgte war eine per UN-Resolution 1244 gestattete
Verwaltung der Region durch die Staatengemeinschaft. Im Kurzdurchlauf: die internationalen
Verhandlungen über den künftigen Status („weitgehende Autonomie“ oder „Unanhängigkeit“)
scheiterten erwartungsgemäß, das (albanische) Kosovo erklärte
sich für unabhängig, Deutschland erkannte dies mittlerweile an (obwohl
zu Beginn des Zerfalls Jugoslawiens alle europäischen Staaten erklärten,
Krieg dürfe sich Ende des 20. Jahrhunderts in Europa nicht mehr „lohnen“ – Fakt
ist, aus Ex-Jugoslawien wurden sieben teils nicht lebensfähige Einzelstaaten).
Nun stehen rund 2.800 deutsche Soldaten im „freien“ Kosovo. Die Bundestagsfraktion
der „Linken“ hat Verfassungsklage angedroht, um den Männern
und Frauen in deutscher Uniform Rechtssicherheit zu verschaffen. Für Ulrike
Merten nicht nur ein unnützer Weg nach Karlsruhe, sondern auch ein schlechter
Witz, dass ausgerechnet die „Linke“ aufgrund ihrer ablehnenden Haltung
gegenüber allen Auslandseinsätzen der Bundeswehr diesen Grund nennt.
Für die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses zählt letztlich nur
die Aussage des Außenministeriums, dass „die Legitimation“ dieses
Einsatzes durch die bisherige Resolution „hinreichend“ ist. Eine
ganz klare Formulierung klingt gleichwohl anders. |
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